Entwicklung der ABC-Notation

Die Ailler-Brennink-Chromatische-Notation*
von Albert Brennink

 


Nach 40 Jahren intensiver Forschungsarbeit und mehr als 30 Veröffentlichungen ist die ABC-Notation heute ein fertiges Notenschrift-System, dessen Brauchbarkeit mit 20 fertigen und gedruckten Musikwerken zur Genüge belegt ist. Nach einem Rückblick auf die historische Entwicklung bringen wir hier eine Einführung in die wichtigsten Charakteristika dieser Notation sowie eine vollständige Liste der Veröffentlichungen.

Albert Brennink, Architekt von Beruf, hat von Kind an sich intensiv mit Musik beschäftigt; seine Instrumente sind Klavier und Cembalo sowie Orgel und die eigene Stimme. Schon früh irritiert durch die Unzulänglichkeiten der gebräuchlichen Notenschrift, hat er in jungen Jahren mit alternativen Notenschriften experimentiert und sich u.a. an der schon

1931 veröffentlichten Klaviatur-Notenschrift 'Klavarskribo' versucht. **

Als Resultat der verschiedenen Bemühungen war er jedoch zu der Überzeugung gekommen, dass wir eine Notenchrift benötigen, die auf der chromatischen Tonleiter basiert und die Tonhöhe in klaren Proportionen abbildet. So entstand schließlich, nach manch verworfenem Experiment, die chromatische Notation, die heute seine Notenschrift ausmacht.


Im Jahre 1975 war das System druckreif. Alle 12 Musikverlage, bei denen der Autor persönlich vorsprach, lehnten die kleine Broschüre, die er zur Veröffentlichung vorgelegt hatte, jedoch ab; worauf er sich gezwungen sah, einen eigenen Musikverlag, die EDITION CHROMA, ins Leben zu rufen. So wurde im Jahr 1976, (als Filiale der 'dipa-Verlag + Druck GmbH') die 'Edition Chroma KG' in Frankfurt am Main gegründet; und die kleine Broschüre mit nur 26 Seiten sah 1976 zum ersten Mal das Tageslicht; der Titel: Albert Brennink "Die Halbton-Schrift oder Die chromatische Notation, eine graphische Darstellung der Musik". Neben dem deutschen Text war in dem zweispaltigen Druck auch schon gleich der englische Text erschienen; der Titel: "The Chromatic Notation, a Graphical Representation of Music."




 

Nachdem am Wohnsitz des Autors, Montreux, Schweiz, inzwischen die 'Fondation Chroma', eine kulturelle non-profit Stiftung für die Reform der Notenschrift, gegründet war, ist der Verlag nach dort umgezogen und erschien im Jahr 1978 in dem nun selbständigen Verlag 'EDITION CHROMA', Montreux VD, Schweiz, die französische und die italienische Version der "Halbtonschrift".


Gleichzeitig mit der "Halbtonschrift" wurden 1976 als Beispiel für kompliziertere Musik die ersten drei "Contrapuncti" aus 'Die Kunst der Fuge' von J. S. Bach in chromatischer Notation veröffentlicht.

Trotz einer Pressekonferenz während der Buchmesse 1976 in Frankfurt und einer Besprechung des Notations-Experten Karkoschka in 'Schweizerische Musikzeitschrift', war die Reaktion der Öffentlichkeit minimal. Aber eine Bemerkung in der Besprechung von Karkoschka hatte den Autor wach gemacht: "Wieder einmal eine von etwa fünfzig neuen Notations-Vorschlägen." Wenn es schon so viele Vorschläge gab, wie sahen die aus?

 








* Das System der ABC-Notation steht für den allgemeinen Gebrauch zur Verfügung. Bei öffentlicher Verwendung ist die Notenschrift mit folgender Urheberbezeichnung zu versehen: "Notenschrift nach Albert Brennink."

 

** Klavarskribo, Postfach 39, NL -2980 AA Ridderkerk, Niederlande.




Um das zu erfahren, organisierte Brennink eine internationale Umfrage nach neuen Notenschriften, und zwar zunächst über die Musikzeitchriften in Europa. Nach dem Umzug nach Kanada 1979 wurde eine gleiche Aktion in Nord- und Süd-Amerika und in Übersee veranstaltet. Im Jahre 1983 wurden dann die Ergebnisse veröffentlicht und zwar gleichzeitig durch die 'Fondation Chroma' in Montreux, Schweiz, in deutscher Sprache und durch die 'Chroma Foundation' in Victoria B.C., Kanada, in englischer Sprache; der deutsche Titel ist: "Chromatische Notation, Die Ergebnisse und Schlussfolgerungen der internationalen Umfrage durch die Fondation Chroma".

Die internationale Umfrage brachte mehr als 100 Vorschläge. Davon befasste sich ein Großteil mit Verbesserungen an der traditionellen Notenschrift, wie etwa die Ersetzung der Vorzeichen durch Markierung der Notenköpfe; andere brachten neue Ideen für Instrument-Notationen, aufbauend etwa auf den Saiten der Guitarre oder auf den Tasten des Klaviers. Gesammelt haben wir nur die Notationen, die eine graphische Darstellung der chromatischen Tonleiter bringen. Hierbei sind grundsätzlich zwei Gruppen zu unterscheiden: 1. die graphische Darstellung der Halbton-Stufen und 2. die graphische Darstellung der Ganzton-Stufen.

Der Unterschied besteht darin, dass bei der Halbton-Graphik jeder Halbton-Schritt aufwärts oder abwärts schreitet, während bei der Ganzton-Graphik nur die Ganzton-Schritte aufwärts oder abwärts gehen; jeder zweite Halbton-Schritt jedoch bleibt auf der gleichen Stufe und wird durch Markierung des Notenkopfes angegeben. Diese Ganzton-Notationen entsprechen nicht unserer ersten Forderung und wurden deshalb nur global abgehandelt.

 

Im Endresultat wurden 24 Halbton-Notationen gezählt und 8 Ganzton-Notationen. Die Halbton-Notationen wurden dann einer weitgehenden Auswertung unterzogen, wobei die Liniensysteme eine Hauptrolle spielten, und wobei als Endresultat zwei Systeme mit vier Linien und zwei Hilfslinien je Oktave als beste Lösung erschienen, nämlich die Systeme von Albert Brennink 1976 und von Franz Grassel 1983.

 










Um die Brauchbarkeit der ABC-Notation zu beweisen, hatte Brennink vor, Klavierstücke von Arnold Schoenberg zu zeigen und kontaktierte die Schoenberg-Foundation in Los Angeles; wobei der Sohn Lawrence Schoenberg gerne die Genehmigung gab. Aber die Verlage, die die ersten Rechte hatten, widersetzten sich. Da die 70-jährige Wartezeit nach dem Tod des Autors noch nicht abgelaufen war, entschloss Brennink sich zu einer eigenen dodekaphonischen Musik.

Während die internationale Umfrage noch lief, schuf er die eigene Komposition "Blütezeit". Nach eigenen Texten in Form eines Sonetten-Zyklus komponierte er einen Liederzyklus. Als musikalische Grundlage diente ihm das System der beiden Ganzton-Leitern, wodurch eine völlig neuartige Musik, eine wahre 6 –Ton-Musik entstand. So wurde im Jahr 1983 das erste Musikwerk in ABC-Notation veröffentlicht: "Blütezeit", ein Liederzyklus für eine Singstimme und Klavier. Das Werk umfasst 22 Gesänge; alle Texte in Deutsch und in Englisch, übersetzt von Alex Page, Amhurst, Massachusets, USA.

 

Die Uraufführung durch Michael Kreikenbaum, Bariton, und Joachim Heß, Piano, fand statt im Kurtheater Bad Homburg am 3. 11. 1986. Die Musiker spielten nach der ABC-Notation. Eine zweite Aufführung fand statt am 27. 4. 1988 an der Musik-Hochschule Köln, eine dritte am 18. 8. 1988 an der University of East Anglia in Norwich, England, bei Gelegenheit der internationalen Konferenz der MNMA. "Blütezeit" wurde schon 12 mal aufgeführt.

 

Mit der Abkürzung MNMA haben wir hier ein neues Thema angeschnitten. Durch die internationale Umfrage-Aktion war nämlich ein Stein ins Rollen gebracht, der heute noch rollt: die Idee für alternative Notenschriften. Musiker, die unzufrieden waren mit der alten Notenschrift, hatten plötzlich eine Anlaufstelle und suchten Kontakt.

So kamen am 29. 6. 1983 Thomas S. Reed mit Frau Mabel und zwei Kindern aus Kirksville in Missoury, USA, nach Vancouver Island in Kanada, um den Organisator der Umfrage-Aktion kennen zu lernen. Aus dem ersten Treffen entwickelte sich eine freundschaftliche Zusammenarbeit, die viele Fortschritte in unserer Forschungsarbeit möglich machte. Tom Reed hatte nämlich schon einen Kreis von Notations-Spezialisten um sich geschart und durch seinen 6 – 6 Newsletter eine interessierte Leserschaft versammelt.

 




Nach dem ersten Kontakt und weiteren Beratungen wuchs der Wunsch, eine Gesellschaft für alternative Notenschrift zu organisieren, und Tom Reed übernahm die Aufgabe, diese neue Organization zu leiten. So wurde im Jahre 1985 in Kirksville, Missoury, USA, die Music Notation Modernization Association, MNMA, als caritative (non-profit) Organisation gegründet. Als Mitglieder fanden sich Amateur- und Berufsmusiker, Lehrer, Komponisten und andere Notenschrift-Erfinder. An ihrem Höhepunkt hatte die Gesellschaft 130 Mitglieder in 17 verschiedenen Ländern.

Unabhängig von dieser Organisation erschien im Jahr 1987 "Source Book of Proposed Music Notation Reform" von Gardner Read bei Greenwood Press Inc. mit 99 Notations-Vorschlägen. Darin ist neben der Brenninkschen Notation eine zweite Notenschrift mit vier Linien je Oktave; sie wurde veröffentlicht 1904 von Johann Ailler in Stetteldorf am Wagram, Nieder-Österreich. Seit dieser Entdeckung heißt die Brenninksche Notenschrift 'Ailler-Brennink Chromatische Notation'.

 

Inzwischen schritt Brenninks Forschungsarbeit weiter fort und konnte er nach einigen verbesserten Details seine 'ABC-Notation' in endgültiger Fassung vorstellen. So erschien 1992 zunächst in Englisch "Equal Temperament Music Notation" und im gleichen Jahr die deutsche Übersetzung "Wohltemperierte Notenschrift, Die Ailler-Brennink chromatische Notation, Ergebnisse und Schlussfolgerungen der Notenschrift-Reform durch die Chroma Stiftung". 

 

In diesem Werk werden 56 chromatische Notenschriften untersucht und als Endresultat die ABC-Notation mit allen charakteristischen Details vorgestellt. In einem weiteren Teil werden musikalische Beispiele der alten mit der neuen Notenschrift verglichen, und schließlich ganzseitige Musikstücke in der neuen Notenschrift vorgestellt. Das Werk erschien im Jahr 1994 auch in französischer und in chinesischer Sprache und wurde zum Standart-Werk für die Notenschrift-Forschung.

 



 


War mit diesem Werk bereits das Fundament für ein neues Zeitalter der Musik-Darstellung gelegt, so brachte das Jahr 1993 mit dem Computer-Programm 'NoteWriter', und dessen Anpassungen für die ABC-Notation, das Material und Werkzeug für den Aufbau einer neuen Welt von Notenbüchern. Brennink hat selber als Herausgeber 20 Musikwerke von Bach bis Debussy, plus eigene Werke, veröffentlicht, worunter so umfangreiche wie "Das wohltemperierte Klavier" I und II mit 48 Präludien und Fugen. Er hat damit bewiesen, dass die ABC-Notation nicht nur leicht ablesbar und für theoretische Studien wie Stimmführung klar und übersichtlich ist, sondern dass durch die eindeutige graphische Darstellung die Notenschrift zu einem optischen und ästhetischen Genuss werden kann.

 

Im Jahre 2001 hat Brennink eine Klavier- und Orgelschule vorgelegt; der Titel ist: "Lehrbuch für Klavier- und Orgelspiel nach chromatischer Notenchrift, Band I, von Albert Brennink, unter Mitwirkung von Joachim Heß (Pianist) und Carsten Lenz (Organist)". In diesem Band ist zunächst die ABC-Notation bis ins kleinste Detail dargestellt. Im Teil für Anfänger gehen dann die ersten Fingerübungen nicht auf die Tasten C, D, E, sondern auf die schwarzen Tasten Fis, Gis, Ais, da diese Gruppe die auffälligste auf der Klaviatur und am leichtesten erkennbar ist. Die Noten haben auch gleich von Anfang an die Namen des Systems 'do-re-mi', vervollständigt mit neuen Namen für die schwarzen Tasten. Das Buch ist für Anfänger geschrieben, aber nicht für kleine Kinder.

Nachdem er 2004 sein Architekturbuch "Structural Architecture" (später auch in Deutsch) veröffentlicht hatte, brachte Brennink 2009 als letztes Werk J. S. Bachs "Die Kunst der Fuge in proportionaler Notenschrift". Er benutzt hier statt 'ABC-Notation' den Ausdruck 'proportionale Notenschrift', da die Proportionalität der Tonhöhen-Darstellung das wichtigste Element der Notenschrift-Erneuerung ist. Eine Einführung in Deutsch und Englisch eröffnet das Werk mit der Losung: "Mach die Struktur sichtbar und mach sie dem Auge gefällig." Diese Worte stammen aus seiner Architektur-Philosophie, gelten aber ebenso gut für die Musik.