Das System der ABC-Notation

von Albert Brennik

 

 


Das System der ABC-Notation soll mit ein paar Beispielen vorgeführt sein. Hier die zwei wichtigsten Vorteile verglichen mit traditioneller Notenschrift:

1. es gibt, statt der fünf traditionellen, nur einen Schlüssel, den 'ABC-Großstab',
2. es gibt keine Vorzeichen, Grundlage des Notenstabs ist die chromatische Tonleiter.

Die ABC-Notation ist aufgebaut auf einem Koordinaten-System, dessen senkrechte Einteilung die Tonhöhen-Leiter bildet; die Tondauer ist auf der waagerechten Ausdehnung verzeichnet.

Abbildung 1, Koordinatensystem

 

Der ABC-Großstab ist ein durchlaufendes Oktav- System. Eine Oktave ist der achte Ton einer diatonischen (sagen wir C-dur) Tonleiter; physikalisch ist die Oktave die Verdoppelung der Ton-Frequenz (z. B. der Abstand von Ton a' = 440 Frequenz zu a" = 880 Frequenz). Die Oktaven werden im Großstab von unten nach oben mit 1 bis 7 nummeriert. Da die Musik sich im Allgemeinen um die mittlere Oktave entwickelt, wird die Mittel-Oktave No. 4 mit einem Rähmchen besonders gekennzeichnet.

 


 

Abbildung 2, Der ABC-Großstab

 

Die chromatische Tonleiter, worauf unser System beruht, hat 12 Töne in der Oktave. Um die 12 Tonstufen darzustellen, brauchen wir 6 Linien und 6 Zwischenräume. Bei zwei Oktaven mit 12 Linien wird die Sache übersichtlich gemacht dadurch, dass von den je 6 Linien nur 4 ausgedruckt werden und in dem so entstehenden Zwischenraum die Noten durch 2 Hilfslinien dargestellt sind. So haben wir für jede Oktave einen 4-Linien-Stab mit 2 Hilfslinien. Die beiden Hilfslinien müssen der Deutlichkeit wegen immer beide geschrieben werden!

Abbildung 3, Der Vier-Linien-Stab für eine Oktave


Der Vier-Linien-Stab für zwei Oktaven



Findet im Verlauf eines Stückes eine Oktav- Erweiterung statt, wird taktweise ein neuer Stab dem System angegliedert.

Abbildung 4, Oktav-Erweiterung


Aus Platzgründen kann es vorkommen, dass ein Oktavwechsel nicht mit einer Erweiterung des Stabsystems verzeichnet werden kann. Die neue Oktav-Nummer steht dann eingerahmt in den Stablinien.

Abbildung 5, Oktav-Nummern


Bei der ABC-Notation liegt die Note C immer auf der obersten Linie des 4-Linien-Stabs. Dadurch ergibt sich die chromatische Tonleiter, siehe Abbildung 6. Die Note A liegt im mittleren Zwischenraum des 4-Linien-Stabs.

Für Musiker, die gerne auf die Tasten der Klaviatur schauen, wenn sie an Musik denken, ist die Erkennung leicht gemacht. Die Gruppe von drei schwarzen Tasten, mit der Note Fis als erste, entspricht nämlich dem 4-Linienstab mit der Note Fis auf der ersten oder untersten Linie.


Da die menschliche Stimme nicht weit über zwei Oktaven reicht, brauchen wir in der Notenschrift für Gesang nur einen oder zwei Noten-Stäbe. Bei den meisten Orchester-Instrumenten ist das ähnlich. Für Orgel und Cembalo braucht man 4 Stäbe und beim modernen Klavier kann es bis zu 7 Stäben gehn. Das jedoch kommt fast nie vor, da es höchst selten ist, dass man gleichzeitig auf der untersten und auf der obersten Oktave spielt. Grundsätzlich sollten nur die Stäbe gedruckt werden, auf denen Noten vorkommen.


Auf der waagerechten Koordinate, dem Verlauf der Notenlinien, wird die Tondauer notiert. Da in der Musik die Dauer flexibel gehandhabt wird – es gibt Verzögerung und Beschleunigung – gilt hier kein geometrisch abstraktes System von exakter Längen- Einteilung, sondern benutzen wir die aus der traditionellen Musik bekannten Noten-Symbole. Diese werden einschließlich der Pausenzeichen, Taktangaben und aller übrigen Vortragszeichen in die chromatische Notation integriert. Die einzige Änderung ist die ganze Pause; sie wird durch eine Verdoppelung des Zeichens für die halbe Pause dargestellt und zwar frei im Zwischenraum zwischen den Linien schwebend.


 

 

 

 

 

 

 

Abbildung 6,

Die Noten-Namen


Abbildung 7, Die Noten und Pausen 


Ein für die ABC-Notation wichtiges Detail sei hier besonders erwähnt, nämlich der neue Gebrauch des Notenhalses. Im Gegensatz zur traditionellen Notenschrift, wo er nur nach oben rechts oder nach unten links geht, kann er in der ABC-Notation auch nach oben links und nach unten rechts gehen. Auf zwei verschiedene Weisen wird davon in der Klaviermusik Gebrauch gemacht.


Da wir nur einen Schlüssel, den Großstab, haben, also nicht Violin-Schlüssel für rechte und Bass- Schlüssel für linke Hand, benutzen wir den Notenhals zur Bezeichnung der Hand. Notenhals rechts ist rechte Hand, Notenhals links ist linke Hand.

Abbildung 8, Notenhals 


Die zweite Anwendung gilt für polyphone Musik, und zwar zur Erkennung der Stimmführung. Bei einem vierstimmigen Stück hat der Bass immer den Notenhals links, der Tenor rechts, der



Alt wiederum links und der Sopran rechts. Der Bass gibt den Ton an. Darum hat bei einem dreistimmigen Gesang der Sopran den Notenhals links.

Abbildung 9, Stimmführung

 

Abschliesend seien hier noch einige Anmerkungen gemacht. Die Verwendung der traditionellen Notensymbole bringt den Berufsmusikern, die zwei Notenschriften lernen müssen, eine große Erleichterung. Sie brauchen sich nur an das neue Liniensystem zu gewöhnen, was etwa vier Wochen Übungszeit beansprucht. Hier der Pianist Joachim Heß: "Wenn ich daran denke, nach wie kurzer Zeit (etwa 2 - 3 Wochen) es möglich war, ihre Musik zu spielen, und wie leicht es mir seither ist, von der traditionellen zu Ihrer chromatischen Notation zu wechseln, und sei es nur für einen Abend, dann dürfte eigentlich – meiner Meinung nach – eine wesentliche Hemmschwelle bei der Einführung der neuen Notenschrift kein Thema mehr sein." *

 

 




Für die einzige Änderung, der ganzen und halben Pause, dürften die Komponisten dankbar sein; denn die alten Pausenzeichen, über oder unter der Linie, sind bei schnellem Schreiben nicht deutlich hinzukriegen.

 

Der Platzverbrauch auf dem Papier kommt, trotz des größeren Bedarfs in der senkrechten Ausdehnung, im Allgemeinen auf den gleichen Umfang wie bei traditioneller Notenschrift. Das war die große Überraschung, als die ersten Musikbücher gedrukt vorlagen. In der ABC-Notation wird durch den Wegfall der Vorzeichen in der Waagerechten oft so viel Platz eingespart, dass der Mehrverbrauch in der Senkrechten dadurch ausgeglichen wird.

 

Die meisten Notenschrift-Erfinder haben sich an der Überlegung, dass man für fünf Töne mehr in der Oktave auch mehr Platz auf den Papier benötigt, verrannt. Selbst Meister wie Busoni und Schoenberg sind an der Unkenntnis gescheitert, dass sie nämlich die Möglichkeit des Großstabs nicht kannten oder verwarfen. Um Platz zu sparen, ließ der erste die höheren Oktaven einfach kleiner drucken, und der zweite Erfinder zwängte drei verschiedene Halbtonstufen mit schrägen Hilfslinien in die etwas breiteren Zwischenräume zwischen den

 

Abbildung 10, Bachs Großstab


Linien. Die vielen Bastler, die den Notenköpfen dreieckige oder andere Formen gaben, um Halbtonstufen anzugeben, seien am Rande nur erwähnt. Sie wussten offenbar nicht, dass ein Notenkopf nur ein Punkt ist, ein etwas vergrößerter Punkt auf einer Linie.

 

Dass der Großstab gar keine neue Erfindung ist, scheint der Fachwelt entgangen zu sein. Selbst in 'The Oxford Companion to Music' kann man lesen unter 'Grand Staff': "This is a fictional notational device rather unnecessarily introduced by musical pedagogues for the purpose of explaining the clefs." (Das ist ein fictives Notenschriftmittel, eher unnötig eingebracht von Musiklehrern, zum Zweck, die Schlüssel zu erklären.)

 

Man hat offenbar vergessen, dass J. S. Bach, seine Familie und sein gesamter Kreis Klavier- und Orgelmusik nach einem Großstab-System schrieb und spielte. Man benutzte nämlich durchweg die Kombination von Bass-Schlüssel mit Sopran- Schlüssel. Bei letzterem liegt die Note c' auf der untersten Line. Der Zwischenraum zwischen den beiden Schlüsseln ist sehr schmal gemacht, und nur die Note h wurde hier eingesetzt. Das ist ein vollkommener Großstab im alten System.


Man vergleiche hierzu die Faksimile-Ausgaben: J.S. Bach "Orgelbüchlein" bei Bärenreiter 1981,

J. S. Bach "Klavierbüchlein für Anna Magdalena Bach 1725" bei Bärenreiter 1988,

J. S. Bach "Die Kunst der Fuge" bei Musikverlag B. Schott's Söhne.

 

* Aus einem Brief 1991, nachdem der Liederzyklus "Blütezeit" dreimal aufgeführt war.

 

Zusätzlich zu diesem Text ist eine neue Website erschienen, eine illustrierte Entwicklungs-Geschichte
der chromatischen Notenschrift: www.ab-chromatic-music-notation.com